Das eigene Immunsystem gegen metastasierten Darmkrebs aktivieren

Neue Hoffnung: Das Immunsystem von Darmkrebspatienten lässt sich mit einem Medikament gegen den HI-Virus aktivieren. Dr. Niels Halama und Dr. Inka Zörnig, Laborleiter der Arbeitsgruppe von Prof. Dirk Jäger am NCT Heidelberg. Foto: NCT HeidelbergEin gefärbter Dünnschnitt aus der Leber zeigt eine Metastase, die bei Krebspatienten ein schlechtes Zeichen ist. Foto: NCT Heidelberg/Niels HalamaDas HIV-Medikament Maraviroc aktiviert Fresszellen in der Leber. Diese können anschließend Metastasen (rot) bekämpfen. Foto: NCT HeidelbergDie Lebermetastasen verschwanden nach Behandlung mit dem HIV-Medikament (Pfeil). Foto: NCT Heidelberg
Ort:Heidelberg
Zielsetzung:Verbesserte Therapie von Darmkrebspatienten
Projektpartner:NCT, Universitätsklinikum Heidelberg
Laufzeit:2014–2016
Förderhöhe:300.000 €

Studie am NCT mit 300.000 Euro gefördert

Ergebnisse hochrangig publiziert und erfolgsversprechend

Darmkrebs geht im fortgeschrittenem Stadium oft mit Tochtergeschwulsten (Metastasen) in anderen Organen einher. Absiedlungen in der Leber und in der Lunge sind häufig. Können diese Absiedlungen nicht operiert werden, bleibt die Chemotherapie als einzige Behandlungsmöglichkeit. Die Hoffnung der Patienten ist in diesen Fällen gering, den Krebs zu bekämpfen.

Prof. Dirk Jäger und Dr. Niels Halama vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg nahmen sich gemeinsam mit einem Team aus Ärzten und Wissenschaftlern vom NCT und Universitätsklinikum Heidelberg vor, die Therapiemöglichkeiten der Patienten mit Darmkrebs zu erweitern. Prof. Dirk Jäger: „Die sogenannte Immuntherapie erzielte bei zahlreichen Tumorerkrankungen herausragende Erfolge, so beispielsweise beim bösartigen Hautkrebs oder bei Bronchialkarzinomen. Wir wollten das auch für Darmkrebs zeigen.“ Die Immuntherapie ist eine gezielte Therapie, die das körpereigene Immunsystem aktiviert und ermöglicht, dass es wieder gegen den Tumor ankämpft. Die allermeisten der bisherigen Immuntherapien versuchen dabei den erlernten Teil des Immunsystems zu aktivieren (adaptives Immunsystem). Der menschliche Organismus verfügt aber über zwei Teile, den erlernten Anteil und den angeborenen Anteil des Immunsystems.

Den Wissenschaftlern gelang es, eine Form der Immuntherapie zu entwickeln, der den angeborenen Teil des Immunsystems bei Darmkrebs aktiviert. Dabei fanden sie heraus, dass sich die Absiedlungen des Tumors das Immunsystem zum Komplizen machen. Ein wichtiger Teil des angeborenen Immunsystems, die Fresszellen (Makrophagen) sind dabei von besonderer Bedeutung. Der Tumor ist in der Lage, diese Zellen des Immunsystems so zu beeinflussen, dass sie das Tumorwachstum und weitere Absiedlung fördern. Dabei spielen spezifische Signalmoleküle eine wichtige Rolle. Den Forschern gelang es, diese Ketten aus Signalmolekülen so zu entschlüsseln, dass klar wurde, das eines dieser Signalmoleküle schon bei einer anderen Erkrankung eine Rolle spielte: bei AIDS, ausgelöst durch HIV (humanes Immundefizienzvirus). Bei einer Infektion mit HIV gelangt das Virus über ein spezifisches Signalmolekül in die Zellen, den sogenannten CCR5. Ein spezifischer Hemmstoff gegen CCR5 wird bereits bei HIV-Infizierten therapeutisch eingesetzt. Diesen Hemmstoff nutzen Prof. Jäger, Dr. Halama und Kollegen. Sie bewiesen in Laborversuchen, dass der CCR5-Hemmstoff bei Darmkrebs überraschenderweise die Fresszellen aktivierte, was nicht mit einer HIV-Infektion im Zusammenhang steht. Dieselben Signalmoleküle spielen aber bei beiden Erkrankungen unterschiedliche Rollen und bei Darmkrebs erreicht der Tumor so einen Schutz vor dem angeborenen Immunsystem. Mit dem identifizierten Hemmstoff führten die Forscher nun eine Pilotstudie (Phase-I Studie) an 14 Patienten durch, um die Verträglichkeit und die Wirkweise des Medikamentes zu bestätigen. Dabei zeigte sich, dass es sicher bei Darmkrebs eingesetzt werden kann, es gab nur wenige Nebenwirkungen. Weiterhin beobachteten die Forscher, dass auch im Menschen Fresszellen aktiviert werden und damit Tumorzellen abtöten. Dr. Niels Halama betont einen weiteren, wichtigen Erfolg: „Patienten, die nach der Behandlung mit dem getesteten Medikament eine vorher wirkungslose Chemotherapie erhielten, zeigten dabei ein gutes Ansprechen auf diese Therapie.“ Neben den klinischen Beobachtungen ergab die Studie auch noch, dass der Ansatz der Forscher, nur auf Experimente an menschlichen Zellen zu setzen und damit auf Tierversuche zu verzichten, exzellente Ergebnisse erzielte.

Medizinreferentin der Dietmar Hopp Stiftung, Dr. Ingrid Rupp: „Die Ergebnisse aus der vergleichsweise kleinen Patientengruppe sind extrem motivierend. Selten sind Forschungsergebnisse so klar und deutlich. Bis die Therapie etabliert sein wird, ist noch viel Forschung nötig, aber die Pilotstudie gibt auf jeden Fall Hoffnung, was die Dietmar Hopp Stiftung zufriedenstellt.“

Die Pionierarbeit aus Forschung und Phase-I-Studie wurde von der Dietmar Hopp Stiftung von 2014–2016 mit 300.000 Euro gefördert. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Cancer Cell publiziert.

Literatur:
Halama N, Zoernig I, Berthel A , Kahlert C, Klupp F, Suarez-Carmona M, Suetterlin T, Brand K, Krauss J, Lasitschka F, Lerchl T, Luckner-Minden C, Ulrich A, Koch M, Weitz J, Schneider M, Buechler M W, Zitvogel L, Herrmann T, Benner A, Kunz C, Luecke S, Springfeld C, Grabe N, Falk CS, Jaeger D (2016) Tumoral immune cell exploitation in colorectal cancer liver metastases can be targeted effectively by anti-CCR5 therapy in cancer patients. Cancer Cell 29: 587-601

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Stand: März 2017

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