Pilotprojekt zu schweren kombinierten Immundefekten erfolgreich beendet

Aus einer Babyferse wird ein Tropfen Blut gedrückt.

Wird ein schwerer Immundefekt bei einem neu geborenen Kind diagnostiziert, so kann die lebensrettende Behandlung eingeleitet werden: die Knochenmarkstransplantation. Foto: Universitätsklinikum Heidelberg

Ort:Heidelberg
Zielsetzung:Kinder mit schweren Immundefekten schneller und besser therapieren
Projektpartner:Universitätsklinikum Heidelberg
Laufzeit:2014-2016
Förderhöhe:77.500 €

Dietmar Hopp Stiftung förderte Screeningprojekt mit 77.500 Euro

Eine frühe Diagnose entscheidet über das Überleben

Schwere kombinierte Immundefekte (Severe Combined Immundeficiency; SCID) sind durch tiefgreifende Störungen der Funktion von Immunzellen charakterisiert. Klassische Symptome sind häufige und schwere Infektionen in den ersten Lebensmonaten von Kindern. Leider sind das auch die ersten Krankheitszeichen, die festgestellt werden und für eine Behandlung kann es dann bereits zu spät sein. Ohne Behandlung sterben die betroffenen Kinder in den ersten Lebenswochen oder -monaten. Weltweit leiden zirka 1 von 66.000 Kindern an einem SCID.

Aufgrund der schweren Immunschwäche mussten diese Kinder früher als „Bubble Babys“ in keimfreier Umgebung aufwachsen, z.B. in einem komplett geschlossenen sterilen Plastikzelt, was in dem Alltag kaum möglich war und eine große physische und psychologische Belastung für das Kind und seine Familie darstellte. Heutzutage sind Patienten mit SCID dank der Stammzelltransplantation heilbar. Diese muss aber frühzeitig durchgeführt werden, und zwar bevor die erste Symptome, d.h. schwere Infektionen, in den ersten Lebensmonaten auftreten. Nur dann kann die Transplantation erfolgreich sein. Aus diesem Grund kann die präsymptomatische Diagnose durch ein Neugeborenenscreeningprogramm Leben retten.

In einem von der Dietmar Hopp Stiftung geförderten Projekt haben sich Prof. Andreas Kulozik, Dr. Laura Tagliaferri und Dr. med. Joachim Kunz von der Universitätskinderklinik in Heidelberg zum Ziel gesetzt, dass das Screening auch in Deutschland für diese schweren Immundefekte eingeführt wird. Dafür untersuchten Sie 6.000 Trockenblutkarten von Neugeborenen, die zwischen Oktober und Dezember 2012 auf die Welt kamen. In der Regel wird am zweiten bis dritten Lebenstag von frisch geborenen Babys mehrere Tropfen Fersenblut auf eine Papierkarte getropft. Die Untersuchung des Bluts auf schwere Krankheiten, die eine rasche Behandlung zur Folge hätten, ist der Kern des Neugeborenenscreenings.

Ein Screening für schwere Immundefekte ist bisher nur möglich, wenn sogenannte T-cell receptor excision circles (TRECs) durch die Methode der real-time quantitative PCR (qPCR) nachgewiesen werden. Diese Methode basiert auf der quantitativen Bestimmung der Nebenprodukte der T-Lymphozytenreifung. Dadurch kann der für schwere kombinierte Immundefekte charakteristische Mangel an T-Lymphozyten aus Trockenblut nachgewiesen werden. Dank der vielversprechenden Ergebnisse ist dieser Test heute in 23 Staaten der USA in das Routine-Neugeborenenscreening Programm eingeschlossen, jedoch noch nicht in Europa.

In dem Pilotprojekt etablierten die Projektmitarbeiter einen auf der Identifikation von TRECs basierenden neuen Test, um Neugeborene mit SCID rasche und kostengünstig bereits direkt nach der Geburt diagnostizieren zu können. Der Test erwies sich insgesamt als hoch sensitiv, spezifisch und zeit-/kostensparend. Im Vergleich zu anderen bereits etablierten Methoden, ist der entwickelte Test schneller, billiger (Kosten bei zirka 2€/Patient, anstatt zirka 4$/Patient) und materialsparender (es wird nur 25% an Probenmenge gebraucht).

„Wir hoffen, dass dieses vielversprechende neue Testverfahren die Grundlage für ein kassenfinanziertes, in Deutschland flächendeckendes Neugeborenenscreening zur rechtzeitigen Erkennung dieser sonst lebensbedrohlichen Krankheit sein wird, “ sagt Prof. Dr. Dr. Andreas Kulozik, Ärztlicher Direktor der Klinik für Pädiatrische Onkologie, Hämatologie und Immunologie der Universität Heidelberg.

Die vielversprechenden Ergebnisse der Studie wurden in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Clinical Immunology“ online publiziert (Clinical Immunology 175 (2017) 51–55).

Insgesamt legte das Projekt die wissenschaftliche Basis für die Aufnahme von SCID in das kassenfinanzierte Neugeborenenscreening. Der gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat auf Antrag des gesetzlichen Krankenversicherung-Spitzenverbands im 02/2016 ein Bewertungsverfahren auf Screening zu schweren angeborenen Immundefekten begonnen. Soweit das Screening von den Kostenträgern entsprechend umgesetzt wird, werden alle Neugeborene in Deutschland die Möglichkeit einer frühzeitigen Diagnose und einer entsprechend rechtzeitigen Behandlung von einer ansonsten tödlichen Erkrankung haben.

„Betroffene Eltern sind heilfroh, wenn eine frühe Diagnose ihrem Kind hilft, ein gutes Leben zu führen. Gerade die seltenen Erkrankungen sind tückisch. Sie kommen zwar selten vor, sind dann aber umso gefährlicher, wenn die Behandlung nicht rechtzeitig erfolgt“, so Medizinreferentin Dr. Ingrid Rupp. „Wir hoffen nun natürlich auf die Einführung des flächendeckenden Screenings.“

Die Studie wurde von 2014–2016 mit insgesamt 77.500 Euro von der Dietmar Hopp Stiftung gefördert.

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