Lernen, soziales Training und Bewegung – mit positiver Verstärkung ans Ziel

Im Sommertherapiecamp liegt der Fokus auf der positiven Verstärkung von erwünschtem Verhalten – egal ob beim Lernen, beim Sport oder bei den Freizeitaktivitäten. Foto: ZPPIn kleinen Gruppen werden Kinder zwischen 7 und 10 Jahren drei Wochen lang tagsüber von Therapeuten intensiv begleitet und betreut. Foto: ZPPBelohnung für gutes Verhalten: Kinder mit ADHS bekommen oft negative Rückmeldungen von ihrer Umwelt, daher macht der positive, auf die Stärken der Kinder ausgerichtete Ansatz das Sommertherapiecamp so besonders. Foto: ZPPIm Lernzentrum werden die Kinder von einer Lehrkraft und von Therapeuten begleitet, um sie für den Schulalltag stark zu machen. Foto: ZPP
Ort:Heidelberg
Zielsetzung:Intensivtherapieprogramm für Kinder mit ADHS
Projektpartner:Zentrum für Psychologische Psychotherapie, Universität Heidelberg
Laufzeit:2014–2017
Förderhöhe:350.000 €

Tim klettert für sein Leben gern. Wenn er auf dem obersten Ast des höchsten Baumes sitzt, stellt er sich vor, dass er in einer Rakete ins Weltall fliegt. Weit weg mit den Gedanken vergisst Tim in solchen Momenten alles um sich herum und überhört die Rufe und Anweisungen seiner Eltern. Er bekommt erst das laute Schimpfen mit. Der Junge interessiert sich für viele Dinge und hat tausend Gedanken und Ideen in seinem Kopf, die er gern mitteilen und umsetzen möchte. Am Anfang hat sich der Siebenjährige deshalb auf die Schule gefreut. Doch anstatt Raketen zu bauen, muss er in der Schule lange stillsitzen, ruhig sein und viele, für ihn langweilige Aufgaben ausführen. Es fällt ihm schwer, sich zu konzentrieren und Hausaufgaben von Anfang bis Ende zu erledigen. Tim fühlt sich häufig unverstanden, weshalb er manchmal sehr wütend wird. Der ständige Streit und die stundenlangen Diskussionen machen ihn traurig. Eigentlich möchte er gerne mit seiner Familie und seinen Freunden gut auskommen und in der Schule zeigen, was er weiß. Aber trotz seiner großen Anstrengungen, kommt es immer wieder zu Problemen.

Bei Tim wurde die ADHS (Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung) diagnostiziert. Aufgrund der vielschichtigen Ausprägung des Störungsbildes und der weitreichenden Beeinträchtigungen von Betroffenen im Alltag, benötigen Kinder wie Tim und deren Umfeld Unterstützung in den Bereichen Familie, Schule und Interaktionen mit Gleichaltrigen. Das Zentrum für Psychologische Psychotherapie (ZPP) der Universität Heidelberg hat daher ein innovatives Programm namens „Sommertherapiecamp (STC)“ – eine umfassende Intensivbehandlungsmaßnahme für Kinder mit ADHS und verwandten Störungen – in Heidelberg etabliert und evaluiert.

Das Sommertherapiecamp baut auf dem amerikanischen „Summer Treatment Program“ von Dr. William Pelham auf. Programmleiterin Dr. Lysett Babocsai adaptierte dieses für deutsche Verhältnisse und nahm grundlegende Veränderungen im Verhaltensmodifikationsansatz, der Umsetzung des Konzeptes sowie der Durchführung des Therapieprogramms vor. Außerdem erweiterte Dr. Lysett Babocsai die Intervention durch Heidelberger Ballschul-Einheiten und ein soziales Kompetenztraining. Das Projekt mit begleitender Evaluation wird in enger Kooperation mit Dr. Eva Vonderlin (ZPP) und Prof. Dr. Sabina Pauen vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg durchgeführt und von der Dietmar Hopp Stiftung von Beginn an gefördert. Aufgrund des Erfolgs der Modellphase 2014 und 2015 wird das Projekt nun in 2016 und 2017 weitergeführt. Ziel ist es, das erfolgreich evaluierte Programm in die kassenärztliche Regelversorgung zu überführen.

„Klinische Behandlungsleitlinien empfehlen bislang zwei grundsätzliche Interventionsformen – Medikamente (Stimulantien, wie etwa Methylphenidat/Ritalin) und Verhaltenstherapie“, so Dr. Eva Vonderlin. Oft ist jedoch eine Kombination von medizinischen, psychosozialen und pädagogischen Maßnahmen erforderlich, um eine langfristig günstige Entwicklung der betroffenen Kinder zu ermöglichen. Genau das stellt einen Vorteil von Intensivtherapieprogrammen wie dem STC dar. „Im mehrwöchigen Sommertherapiecamp arbeiten Therapeuten zusammen mit den teilnehmenden Kindern intensiv am Aufbau angemessener Verhaltensweisen, hilfreicher Lernstrategien, wichtiger Sozialkompetenzen und Selbstregulationsfähigkeiten sowie motorischer Fertigkeiten in einer den Kindern lebensnahen Umgebung. Das erhöht die Anwendung des Gelernten in Alltagssituationen“, erläutert Dr. Lysett Babocsai. Dabei steht spielerisches Lernen im Vordergrund: Die 7 bis 10-jährigen Kinder verbringen den Tag mit einem abwechslungsreichen Programm im Lernzentrum sowie bei Sport- und Freizeitaktivitäten während sie sich durch erwünschtes Verhalten Punkte und Preise verdienen können. „Der positive, auf die Stärken der Kinder ausgerichtete Ansatz macht das STC besonders“, fügt Dr. Lysett Babocsai hinzu. Jede Woche steht unter einem besonderen Wochenthema wie „Wilde Tiere“ oder „Piraten auf Schatzsuche“. Freitag heißt es „Fun-Freitag“ mit tollen Unternehmungen. Da das Umfeld eine entscheidende Rolle in der Ausprägung von ADHS spielt, wird im STC großen Wert auf den Einbezug der Eltern gelegt. Dieser erfolgt durch ein wöchentliches Elterntraining und mehrere Nachsorgetermine mit den Familien, um eine bestmögliche Übertragung der im STC erzielten Verhaltensänderungen in das Familien- und Schulumfeld zu erreichen. Zudem besteht Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten und Therapeuten.

„Die Ergebnisse der begleitenden Wirksamkeitsstudie weisen auf Verbesserungen der klinischen Gesamtsymptomatik als auch der störungsspezifischen Symptome und Funktionsdefizite bei den STC-Teilnehmern hin“, berichtet Prof. Sabina Pauen. In der zweiten Projektphase findet das Camp nicht nur in den Sommerferien, sondern auch während der Schulzeit statt und wurde von drei auf vier Wochen ausgedehnt.

Die Dietmar Hopp Stiftung ermöglichte die Durchführung des Modellprojekt und der begleitenden Evaluation in den Jahren 2014-2015 mit einer Spende in Höhe von 100.000 Euro. In der von 2016 bis Ende 2017 stattfindenden zweiten Projektphase wird das ZPP der Universität Heidelberg mit einer weiteren Spende in Höhe von 250.000 Euro unterstützt. Meike Leupold, Referentin für Soziales und Bildung der Dietmar Hopp Stiftung: „Der Umgang mit Kindern mit ADHS bedarf viel Kraft, Zeit und Geduld. Durch die positive Verstärkung leben die Kinder im Camp auf. Das Angebot der Intensivtherapie wird von den Eltern als Entlastung und als Verbesserung der familiären Situation wahrgenommen. Die Unterstützung kommt somit dem Kind selbst, den Familien und auch dem Umfeld zu Gute. Es wäre wünschenswert, dass das Programm bei weiterer erfolgreicher Etablierung in die Regelversorgung übergeht.“

Was ist ADHS?
Die Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wird derzeit als neurophysiologische Entwicklungsstörung mit frühem Beginn und meist chronischem Verlauf verstanden. Es handelt sich um eine komplexe Störung, die genetische, neuronale, kognitive und verhaltensbezogene Mechanismen umfasst. Forscher und Kliniker gehen davon aus, dass neben genetischen und neurobiologischen Faktoren, familiäre und schulische Umgebungsbedingungen eine Rolle in der Entstehung und Ausprägung der ADHS spielen. Die zentralen Merkmale der Störung fallen in die zwei Symptombereiche: Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität-Impulsivität. Forschungen zum Störungsbild haben gezeigt, dass die vorrangigen Schwierigkeiten im Bereich Aufmerksamkeit, das Erwecken von Aufmerksamkeit, die Aufrechterhaltung von Konzentration sowie das Befolgen von Anweisungen und das Einhalten von Regeln bei stark ablenkenden Reizen sind. Im Hinblick auf Hyperaktivität und Impulsivität beziehen sich die Hauptfunktionseinschränkungen auf die geringe motorische Kontrolle und anhaltende Verhaltensunterdrückung, Schwierigkeiten mit Reaktionsverzögerung und Belohnungsaufschub sowie der Fähigkeit, willentlich vorherrschende Reaktionen zugute situationeller Anforderungen anzupassen. Die Symptomkonstellation und -ausprägung ist bei jedem Kind mit ADHS individuell verschieden. Als evidenz-basierte Behandlungsmöglichkeiten zählen Verhaltenstherapie und Medikation. Eine frühe, multimodale und nachhaltige Therapie der ADHS verbessert die Chancen der Kinder auf eine positive Entwicklung und die Reduktion von Sekundärfolgen.

Zentrum für Psychologische Psychotherapie Heidelberg

Flyer Sommertherapiecamp 2016

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