Freitag, 13. August 2021

Mit interdisziplinärer Behandlung Amputationen vermeiden

Zwei Ärzte am OP-Tisch schauen in ein Mikroskop, im Hintergrund ein Bildschirm

Prof. Dr. Dittmar Böckler (r.) und Prof. Dr. Günter Germann gemeinsam am von der Dietmar Hopp Stiftung finanzierten neuen OP-Mikroskop zur chirurgischen Wundabdeckung. Bild: Universitätsklinikum Heidelberg

Gemeinsame Versorgung von Patienten mit chronischen Wunden: Im „Zentrum für Amputationsprävention und Beinerhalt“ kooperieren Professor Dr. Dittmar Böckler, Ärztlicher Direktor der Klinik für Gefäßchirurgie und Endovaskuläre Chirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg, und der Plastische Chirurg Prof. Dr. Günter Germann, Honorarprofessor der Medizinischen Fakultät Heidelberg. Die Dietmar Hopp Stiftung finanziert ein neues OP-Mikroskop zur chirurgischen Wundabdeckung.

Bei rund 50.000 Menschen werden jedes Jahr in Deutschland Teile der unteren Extremität – Zehen, Fuß, Unterschenkel oder das gesamte Bein – amputiert. Zu viele, sagt Professor Dr. Dittmar Böckler, Ärztlicher Direktor der Klinik für Gefäßchirurgie und Endovaskuläre Chirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg (UKHD). In Kooperation mit dem Plastischen Chirurgen Prof. Dr. Günter Germann, Honorarprofessor der Medizinischen Fakultät, will er im Rahmen eines gemeinsamen „Zentrums für Amputationsprävention und Beinerhalt“ dagegen vorgehen. Patienten mit chronischen Wunden, denen eine Amputation droht, profitieren von der zweifachen Expertise und der technischen Ausstattung: In den modernen gefäßchirurgischen Hybrid-Operationssälen der 2020 bezogenen Chirurgischen Universitätsklinik können innerhalb eines Eingriffs verschlossene Gefäße der Beine wieder geöffnet, die Durchblutung verbessert und chronische Wunden sowie Gewebedefekte mittels Gewebeübertragung geschlossen werden. Ein eigens dazu angeschafftes, spezielles OP-Mikroskop hat die Dietmar Hopp Stiftung mit 184.000 Euro finanziert.

„Die interdisziplinäre chirurgische Behandlung in Kombination mit modernster Technik in unserer neuen Chirurgischen Klinik schafft beste Voraussetzungen, Patientinnen und Patienten vor einer Amputation zu bewahren. Wir danken der Dietmar Hopp Stiftung ganz herzlich für diese Unterstützung“, sagt Prof. Dr. Ingo Autenrieth, Leitender Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Heidelberg.

„Für Betroffene bedeutet eine Amputation einen großen Verlust an Lebensqualität, darüber hinaus haben sie in der Folge auch ein erhöhtes Sterberisiko. Wir freuen uns, wenn wir durch unsere Spende helfen können, Menschen dieses Leid zu ersparen“, erklärt Dr. Jennifer Fischer, Referentin Medizin bei der Dietmar Hopp Stiftung.

Die Klinik für Gefäßchirurgie und Endovaskuläre Chirurgie wurde gemeinsam mit der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am UKHD im Februar 2021 von der Initiative Chronische Wunden e.V. (ICW) als „Universitäres Wundzentrum“ zertifiziert. „Die fachgerechte Versorgung chronischer Wunden in einem interdisziplinären Kontext ist essentiell, um Amputationen zu vermeiden oder wenigstens im Umfang zu reduzieren“, so Böckler. Einen wesentlichen Beitrag daran haben neben der internistischen Behandlung der Grunderkrankung, z.B. Arteriosklerose oder Diabetes, die Wiederherstellung der Durchblutung und die anschließende plastische Abdeckung der chronischen Wunde: „Selbst wenn das Gewebe nach dem gefäßchirurgischen Eingriff wieder durchblutet wird, dauert es einige Zeit, bis der Wundbereich abgeheilt ist. Solange stellt die Wunde eine potentielle Eintrittspforte für Keime dar. Mit Hilfe von Haut- und Gewebetransplantationen lässt sich diese Pforte schnell schließen“, erläutert Prof. Germann. Das neue OP-Mikroskop im gefäßchirurgischen Operationssaal ermöglicht die komplexe Übertragung von Gewebe samt Blutgefäßen und Nervenverbindungen z.B. vom Rücken des Patienten auf die Wunde an Fuß oder Bein. „Die Patienten müssen nicht mehr verlegt werden und die Zeit zwischen der Wiederherstellung der Durchblutung und dem Verschluss der Wunde ist minimal“, so Germann.

Von chronischen Wunden spricht man, wenn ein Gewebedefekt länger als acht Wochen nicht abheilt. Bei rund der Hälfte der „offenen Beine“ sind Gefäßerkrankungen und damit einhergehende Durchblutungsstörungen die Ursache, die häufig auch in Folge eines Diabetes mellitus oder langjährigen Rauchens auftreten können. Die Behandlung ist komplex und langwierig. „Wichtig für einen langfristigen Behandlungserfolg ist eine interdisziplinäre und vor allem aufeinander abgestimmte Versorgung, die Behandlung der zugrundeliegenden Erkrankung sowie Kontrolle der Risikofaktoren“, erläutert Professor Böckler, Gründer des Gefäß- und Aortenzentrums am UKHD, in dem Patienten mit allen Arten von Gefäßerkrankungen fachübergreifend von Gefäßchirurgen, Angiologen und Radiologen gemeinsam mit Herzchirurgen, plastischen Chirurgen sowie Neurologen, Nephrologen, Diabetologen und Orthopäden behandelt werden.

Das neue Zentrum für Amputationsprävention und Beinerhalt ist zukünftig außerdem Anlaufstelle bei Wunsch nach einer zusätzlichen Expertenmeinung vor einer Amputation: „Jeder Patient mit diabetischen Fußsyndrom, dem eine Amputation angeraten wurde, hat das Recht auf eine Zweitmeinung. Diese Beratung wird von den Krankenkassen getragen“, so Böckler. „Von diesem Recht sollte jeder Betroffene Gebrauch machen.“

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