Harte Linie mit Herz

Coolness-Training in der Mannheimer Wilhelm-Busch-Schule: Bei der Übung „Ball-Transport“ werden nicht nur Eigenschaften wie Geschicklichkeit und Teamfähigkeit, sondern auch Kommunikation, Konzentration und Frustrationskompetenz trainiert. Foto: Wilhelm-Busch-Schule„Der magische Stab“: Unter Anleitung von Emanuel Giuliano bewegt die Gruppe einen Stab gemeinsam Richtung Boden und legt ihn dort ab. Rechts Marion Götz, Schulsozialarbeiterin der Stadt Mannheim. Foto: Wilhelm-Busch-Schule

„Coolness-Training“ im sozialen Brennpunkt

Dietmar Hopp Stiftung fördert Projekt an Mannheimer Schule

„Das macht doch keinen Sinn. Außerdem habe ich keinen Bock.“ Das sind die Aussagen von Sebastian, 12, zu Beginn des „Coolness-Trainings“ an der Wilhelm-Busch-Schule in Mannheim. Einige Wochen später gibt derselbe Sebastian zu Protokoll: „Ich verstehe jetzt, wie sich Menschen fühlen, die beleidigt und verletzt werden.“ Das Programm, das die Dietmar Hopp Stiftung mit einer Spende von 3.000 Euro unterstützt hat, zeigt erste Erfolge.

Der Mannheimer Stadtteil Neckarstadt-West hat sich in den vergangenen Jahren von einem Arbeiterviertel in einen sozialen Brennpunkt gewandelt. Hier befindet sich die Wilhelm-Busch-Schule, ein Sozialpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) mit Förderschwerpunkt Lernen. „Sprachprobleme, mangelnde Konzentrationsfähigkeit und Unterrichtsstörungen sind auffällig“, sagt Schulleiter Bernhard Allgaier. „Konflikte, Aggressivität und Gewalt sind Folgen, mit denen wir uns fast täglich auseinandersetzen müssen.“ Mit Unterstützung der Dietmar Hopp Stiftung und Marion Götz, Schulsozialarbeiterin der Stadt Mannheim, startete die Wilhelm-Busch-Schule bereits im Sommer 2018 das ambitionierte Projekt „Coolness-Training“, das in diesem Schuljahr in die zweite Runde geht.

Ein halbes Jahr lang erhalten auffällige Schüler der 5. und 6. Klasse 90 Minuten pro Woche Nachhilfeunterricht darin, sich ihren Mitmenschen gegenüber respektvoll zu verhalten. Dafür hat sich Marion Götz mit den Mitteln der Dietmar Hopp Stiftung einen Experten an ihre Seite geholt: Emanuel Giuliano, Geschäftsführer von Cool Double X, einem Dienstleister im Bereich Gewaltprävention, leitet die Unterrichtsstunden gemeinsam mit Marion Götz und den Klassenlehrerinnen. „Wir können natürlich nicht die Welt retten, aber wir müssen den Jugendlichen als Vorbilder dienen und versuchen, ihnen neue Grenzen zu setzen“, sagt die Projektverantwortliche Marion Götz, die im Anschluss an die erste Runde als berufsbegleitende Zusatzqualifikation die Trainerscheine „Coolness-Training“ (CT) und „Anti-Aggressivitäts-Training“ (AAT) erworben hat, die ihr vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. ausgestellt wurden. „Abfällige Bemerkungen, andere auslachen, schnell handgreiflich werden – das alles wollen wir ihnen abtrainieren. Und sie sollen lernen, zu verlieren, also Rückschläge adäquat zu verarbeiten.“

„Es ist uns ein besonderes Anliegen, Kindern und Jugendlichen in sozialen Brennpunkten Hilfestellung darin zu leisten, sich später im Leben besser zurechtzufinden. Das Konzept der Wilhelm-Busch-Schule, sie für diesen Weg vorzubereiten, hat uns überzeugt“, sagt Carina Schneider, Referentin für Soziales und Bildung der Dietmar Hopp Stiftung. „Ganz besonders hervorheben möchte ich, dass die Wilhelm-Busch-Schule gemeinsam mit Frau Götz den kleinen Anstoß von Double X genutzt hat, um das Konzept nachhaltig an der Schule zu implementieren. Gemeinsam mit den Lehrerinnen und Lehrern kann die ausgebildete „Coolness-Trainerin“ in Zukunft an den Stellen ansetzen, wo es Bedarf gibt.“

Ein Rollenspiel, das unter die Haut geht

Besuch im Unterricht. Sebastian muss mit einem Klassenkameraden das Zimmer verlassen. Die anderen unterhalten sich derweil über bestimmte Themen, was sie beispielsweise am vergangenen Wochenende so erlebt haben. Sebastian und sein Klassenkamerad werden wieder hereingebeten und sollen nun versuchen, mit den anderen ins Gespräch zu kommen. Die haben aber die Anweisung erhalten, die Zwei zu ignorieren. „Ich habe nicht gedacht, dass sich das so schlimm anfühlt“, sagt Sebastian später. „Dieses Rollenspiel ist richtig unter die Haut gegangen“, findet Marion Götz. „Für die meisten war es eine neue Erfahrung, gemobbt und ausgegrenzt zu werden.“

Konfrontative Pädagogik nennt sich dieser Handlungsstil, der Hintergründe und Umstände von Regel- und Normverletzungen beleuchtet, die Taten selbst aber in keiner Weise duldet. „Die Schüler mit den Folgen des eigenen Handelns zu konfrontieren heißt für uns auch, mit ihnen neue alternative Verhaltensweisen auf der Basis von gegenseitigem Respekt zu trainieren“, so Schulleiter Allgaier. „Harte Linie mit Herz“, lautet daher das passende Motto.

Neben den Rollenspielen seien auch die „Blitzlichter“ ein wichtiger Bestandteil des „Coolness-Trainings“, erklärt Marion Götz. „Die Kinder erzählen, was bei ihnen zuletzt schlecht gelaufen ist, aber sie sollen auch darüber reden, was gut war. Denn wir wollen uns ganz bewusst auf ihre Stärken konzentrieren, ihr Selbstbewusstsein fördern und sie für gute Taten loben.“

„Die Gruppe hat sich komplett gewandelt“

Probleme im Umgang mit anderen zu haben, sei nicht immer ein Hinweis auf ein schlechtes Elternhaus, weiß Marion Götz. „Manche Paare sind mit der Erziehung überfordert, weil sie viele andere Sorgen und Probleme haben. Wir nehmen sie aber mit ins Boot und informieren sie ausführlich über unser Projekt. Das Interesse und die Einwilligung der Eltern sind natürlich unerlässlich.“

Nicht alles läuft bei diesem Projekt wie geschmiert. „Das Ganze muss sich stabilisieren. Bei einigen Themen müssen die Trainer auch Geduld haben und dranbleiben“, sagt Marion Götz und verschweigt dabei nicht, dass sich die Gruppe kürzlich von zwei Teilnehmern trennen musste, weil die Bereitschaft, an sich zu arbeiten, nicht zu erkennen war. Unterm Strich zieht die Trainerin aber ein positives Fazit: „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass sich das so gut entwickelt. Die Gruppe hat sich seit Beginn des Schuljahres komplett gewandelt.“

Nach der ersten Runde im vergangenen Jahr gab es zum Abschluss ein kleines Grillfest, den Teilnehmern wurde eine Urkunde überreicht. „Da ist so mancher mit stolz geschwellter Brust nach Hause gegangen“, verrät Marion Götz. Auch Sebastian wird in wenigen Wochen seine Urkunde bekommen.

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