Schutz gegen das Verschwinden aus der realen Welt

Internetsucht kann bekämpft werden. Foto: iStock.com/LjubaphotoIm November feierte das PROTECT-Team gemeinsam mit vielen Lehrern und anderen pädagogischen Fachkräften den Abschluss der PROTECT-Studie. Foto: Dietmar Hopp StiftungGemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen werden in den Interventionsgruppen konstruierte Fälle (wie David) durchgesprochen und überlegt, welche Lösungsansätze für seinen riskanten Internet- und Computerspielkonsum infrage kommen. Foto: Dietmar Hopp Stiftung
Ort:Heidelberg
Zielsetzung:Studie zur Prävention von pathologischem Internetgebrauch
Projektpartner:Pädagogische Hochschule Heidelberg
Laufzeit:2015–2018
Förderhöhe:140.000 €

„Es ist schon spät, ich sollte längst schlafen. Aber dieses eine Spiel mache ich noch.“
Sätze wie diese werden nicht laut, sondern nur im inneren Dialog ausgesprochen. Sie sind die Rechtfertigungsgrundlage für – meist junge – Menschen, die internet- oder computerspielsüchtig sind. Es bleibt aber natürlich nicht bei diesem einen Spiel. „Ich wache auf, spiele, esse und gehe schlafen“, gesteht ein 13-jähriger Junge der Rhein-Neckar-Zeitung, die ihn Toni nennt. Wissenschaftler der Pädagogischen Hochschule (PH) Heidelberg haben nun unter der Leitung von Junior-Professorin Katajun Lindenberg, bei der Toni in Behandlung ist, das Präventionsprogramm PROTECT entwickelt. PROTECT steht für „Professioneller Umgang mit technischen Medien“ und wurde von der Dietmar Hopp Stiftung mit einer Spende von 140.000 Euro unterstützt.

Die Internet- oder Onlinesucht wird seit Mitte dieses Jahres von der Weltgesundheitsorganisation WHO unter dem Fachbegriff „Gaming Disorder“ offiziell als Krankheit anerkannt. „Wenn das Spielen am Computer oder im Internet Priorität vor den Freunden und der Schule oder dem Beruf hat, mit einem vollständigen Kontrollverlust einhergeht und trotz negativer Konsequenzen fortgesetzt wird, sprechen wir von psychischer Störung“, sagt Katajun Lindenberg. Bereits in 2012 gründete sie mit Behandlern aus der Metropolregion Rhein Neckar ein integriertes Versorgungsnetzwerk, das sich um Patienten mit Internetabhängigkeit kümmerte und eine störungsspezifische Behandlung anbot. Aus diesem Netzwerk heraus entstand ihre Idee zu PROTECT.

Rund sechs Prozent der Jugendlichen im Alter von elf bis 20 Jahren sind von diesem Internetsucht-Teufelskreis betroffen, das hat eine repräsentative Studie der PH (siehe unten) ergeben. „Ihre Leistungsfähigkeit nimmt ab, die Lebensqualität wird maßgeblich beeinträchtigt. Doch aller negativen Konsequenzen zum Trotz machen sie weiter, weil sie ihr Handeln nicht mehr kontrollieren können“, erklärt Katajun Lindenberg. Häufig leiden sie zusätzlich unter einer Depression oder sozialen Ängsten. „Die Jugendlichen erkennen ihre Sucht nicht und sehen andere Gründe für den Verlust von Freunden und Interessen oder die schlechten Leistungen in der Schule. Den Beginn dieser depressiven Abwärtsspirale markieren andauernde Müdigkeit, Lustlosigkeit und Gereiztheit sowie Erkenntnisse wie ‚Mich mag‘ eh keiner‘.“ Den Betroffenen fehlt es an alternativen Aktivitäten, die sie als Belohnung empfinden, wie etwa Sport, Musik, Theater oder Literatur.

Ziel von PROTECT ist es nicht, den Internetgebrauch an sich zu verändern. Es geht vielmehr darum, dem exzessiven, unkontrollierten Umgang mit Online-Angeboten präventiv vorzubeugen. Der Institution Schule kommt in dieser Hinsicht eine besondere Bedeutung zu, da hierüber die Zielgruppe der Kinder sehr gut erreichbar ist. PROTECT wendet sich primär an Schülerinnen und Schüler ab der 7. Klasse : Jugendliche, die ein erhöhtes Risiko zeigen, erhalten dabei ein psychologisch-verhaltenstherapeutisches Training, das in vier Doppelstunden von geschulten Psychologinnen bzw. Psychologen durchgeführt wird. „Das Programm wurde anhand aktueller Forschungsbefunde zur Internetsucht entwickelt und beinhaltet verhaltenstherapeutische Techniken, die sich in der Prävention von psychischen Auffälligkeiten wie Ängsten, Depressionen, Suchterkrankungen oder Essstörungen als wirksam erwiesen haben“, sagt Katajun Lindenberg. Die Doppelstunden bearbeiten die Themen „Langeweile“, „Leistungsangst“, „Unsicherheit im Umgang mit Gleichaltrigen“ und „Gefühle“.

„Durch dieses Training wird eine signifikante Reduktion der Kernsymptomatik – also beispielsweise mangelnde Kontrolle über den Konsum oder Fortsetzung des Spielens trotz negativer Folgen – erzielt, die nachhaltig anhält“, so Katajun Lindenberg über die ersten Ergebnisse der Studie. „Anschließend müssen wir abwarten, wie hoch die Rückfallquote sein wird.“

Es ist kein einfaches Terrain, auf das sich Junior-Professorin Katajun Lindenberg und ihr Team begeben haben. „Mit ihrer Förderung hat die Dietmar Hopp Stiftung den Grundstein dafür gelegt, dass unsere Forschungsgruppe weiter wachsen konnte und wir die Online-Sucht wirksam bekämpfen können“, so die Projektleiterin. Mit den zur Verfügung gestellten Mitteln werden auch die Veröffentlichung und die Anleitung der Unterlagen finanziert. „Dank dieser Anschubfinanzierung haben wir bereits viele Folgeprojekte generieren können“, freut sich Katajun Lindenberg und verweist zum Beispiel auf PROTECT 3-5, das für jüngere Altersgruppen (Klassen 3-5) angepasst wurde und auch ihnen einen Präventionsansatz zur Verfügung stellt. Zudem gibt es Anfragen aus dem Ausland, wie etwa Luxemburg, wo das von der PH Heidelberg entworfene Programm – ins Französische übersetzt – ebenfalls zur Anwendung kommen soll. Das Manual soll 2019 auf Englisch erscheinen. Darüber hinaus haben Schulen der Metropolregion Rhein-Neckar – in Zusammenarbeit mit der Hopp Foundation – auch zukünftig die Möglichkeit, PROTECT-Workshops durchzuführen.

Zur Studie
Die Studie „Wirksamkeit eines kognitiv-verhaltenstherapeutischen Trainings zur indizierten Prävention von Internetbezogenen Störungen“ wurde zwischen 2015 und 2018 an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg durchgeführt. Die Leitung der Studie oblag Junior-Professorin Dr. Katajun Lindenberg (Institut für Psychologie). Es wurden zunächst über 5.000 Schülerinnen und Schüler von rund 40 Schulen in der Metropolregion Rhein-Neckar zu ihrem Online-Verhalten befragt.
480 Jugendliche zwischen 11 und 20 Jahren, die im Screening ein erhöhtes Risiko für eine Internet- oder Computerspielsucht zeigten, nahmen dann freiwillig an dem PROTECT-Programm teil (Interventionsgruppe: n=208; Kontrollgruppe: n=272). Die Interventionsgruppe absolvierte über zwölf Monate hinweg in Kleingruppen von sechs bis zehn Jugendlichen insgesamt vier Module – beispielsweise zur Emotionsregulation oder Prokrastination – und wurden insgesamt vier Mal wissenschaftlich befragt. Die Kontrollgruppe erhielt keine Interventionen, sie nahm nur an den Befragungen teil.
Die Wirksamkeitsstudie zeigt eine signifikante Reduktion der Kernsymptomatik sowie eine leichte Verbesserung depressiver Symptome. Das Programm ist für andere Altersgruppen oder Settings adaptierbar und wird auch zukünftig weiterentwickelt werden.

Was können Betroffene tun?
Das Zentrum für Psychologische Psychotherapie in Heidelberg bietet Spezialsprechstunden – sowohl in Einzel- als auch in Gruppentherapie – für Jugendliche und Erwachsene zu diesem Thema an. Jugendliche bis 21 Jahre melden sich unter 06221/547907, Erwachsene unter 06221/547908. Infos gibt es auch per E-Mail an zpp@zpp.uni-uni-hd.de.
Die Hopp Foundation bietet Workshops für Schulen an, die den Schülerinnen und Schülern einen kompetenten Umgang mit Medien beibringen.

Stand: Dezember 2018

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