Stark im Sturm

In Deutschland leben schätzungsweise drei Millionen Kinder psychisch erkrankter Eltern und 2,6 Millionen Kinder mit einer suchterkrankten Mutter oder einem suchterkrankten Vater. Eines dieser Kinder ist die mittlerweile 11jährige Anna, die von der Initiative „Stark im Sturm“ profitiert hat, die die Dietmar Hopp Stiftung unterstützt. Das Projekt hat zum Ziel, betroffene Kinder durch die Vernetzung von Hilfsangeboten und den Einsatz von so genannten Kinderbeauftragen effektiver zu unterstützen.

„Uns ist aufgefallen, dass in der Allgemeinpsychiatrie die Frage, ob die Patienten Kinder haben, häufig vernachlässigt wurde“, erklärt Dr. Yvonne Grimmer, Oberärztin in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim (ZI). In einem ersten Schritt seien daraufhin in der Anamnese Fragen nach Kindern, deren Alter und Versorgungssicherheit verpflichtend hinzugefügt worden. „Das ist erstmal ganz praktisch wichtig, um die unmittelbare Versorgung und Betreuung der Kinder sicherzustellen“, so Grimmer. In einem zweiten Schritt kann dann geklärt werden, ob Beratungs- und Unterstützungsbedarf besteht. „Uns geht es natürlich primär darum, den Patienten zu helfen, aber nur wenn es der ganzen Familie gut geht, hat die Therapie Erfolg.“ Auch die Kinder in den Blick zu nehmen, sei darüber hinaus wichtig, damit sie nicht als Folge der Erkrankung eines Elternteils selbst eine psychische Erkrankung oder Sucht entwickeln. „Kinder verstehen meist nicht, was mit ihren Eltern los ist, haben häufig Schuldgefühle und übernehmen darüber hinaus oft früh Verantwortung, indem sie sich etwa um jüngere Geschwister oder den Haushalt kümmern.“

Das war auch bei Anna der Fall: „Anna war neun, als ich sie das erste Mal traf“, erinnert sich Dr. Yvonne Grimmer. Das Mädchen kam mit Verdacht auf ADHS und belastet von Angststörungen in ihre Sprechstunde. Im Laufe der Gespräche stellte sich heraus, dass Annas Mutter aufgrund einer Depression kaum in der Lage war, das Mädchen zu versorgen: Sie verbrachte viel Zeit im Bett, war für ihre Tochter nicht ansprechbar und schaffte es oft nicht, den Kühlschrank zu füllen. Für die Neunjährige war nicht zu verstehen, was mit ihrer Mutter los war. Sie fühlte sich schuldig und hatte Angst, die Mutter allein zu lassen, verließ nur noch selten das Haus und schlief im Zimmer der Mutter.

Es war notwendig, Mutter und Kind parallel zu behandeln, die Mutter zeitweise sogar stationär. Im Rahmen der Psychotherapie wurde auch ein Notfallplan erarbeitet. Für Phasen, in denen es der Mutter nicht gut geht, haben alle Beteiligten gemeinsam beschlossen, die Versorgung und Betreuung der Tochter durch befreundete Nachbarn sicherzustellen.

Als es der Mutter besser ging, hat eine Kinderbeauftragte des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) ihr geholfen, ihrer Tochter ihre Erkrankung altersgerecht zu erklären. Hierfür stehen im ZI Bücher für verschiedene Altersklassen als Hilfsmittel zur Verfügung.

Die kind- und jugendgerecht geschriebenen Bücher sind auch für Anita Warner eine wichtige Unterstützung in ihrer Arbeit. Sie ist Kinderbeauftragte der ersten Stunde und „froh und stolz“, an dem Projekt teilzuhaben. Die gelernte Pflegekraft, die mittlerweile als Pflegedienstleiterin im ZI arbeitet, wurde in ihrer beruflichen Laufbahn immer wieder mit schwierigen Verhältnissen in Familien von Patienten konfrontiert. „Ich möchte Möglichkeiten schaffen, dass Kinder in ihrer eigenen Familie glücklich, geborgen und kindgerecht leben können“, sagt sie über ihre Motivation, sich neben ihrer eigentlichen Arbeit ehrenamtlich als Kinderbeauftragte am ZI zu engagieren.

Das Wichtigste an der Tätigkeit sei, ein Vertrauensverhältnis zu den Patienten aufzubauen. Die meisten seien zunächst vor allem mit sich selbst und ihrer Erkrankung beschäftigt und hätten auch Ängste, Hilfe anzunehmen. Nach der Feststellung, ob ein Patient oder eine Patientin Kinder hat, versuchen die Kinderbeauftragten herauszufinden, ob Unterstützung nötig ist und ob die Familie auch bereit ist, die Hilfe anzunehmen. Gemeinsam wird dann geklärt, welche Hilfsangebote es gibt und welche zur Familie passen. „Die Möglichkeiten reichen von Betreuungsangeboten, während die Eltern in der Therapie sind, über Patenschaftsprogramme und alltägliche Beschäftigung bis zur Therapie für das Kind selbst“, weist Anita Warner nur auf einige Beispiele hin. Das Netzwerk sei in den ersten zwei Jahren des Projekts sehr gewachsen und man habe schon viele Familien erreichen können.

Das ZI hat bereits 2019 begonnen, Kinderbeauftragte einzusetzen. Es handelt sich dabei um Mitarbeitende aus der Pflege, dem Sozialdienst, dem therapeutischen und ärztlichen Bereich, die sich auf diesem Gebiet ehrenamtlich einsetzen. Ziel der Initiative Stark im Sturm, in der das ZI mit dem Universitätsklinikum Heidelberg und dem Psychiatrischen Zentrum Nordbaden (PZN) in Wiesloch kooperiert, ist unter anderem, solche Kinderbeauftragten in der gesamten Metropolregion Rhein-Neckar zu etablieren. Durch die Erweiterung der Zahl der Kinderbeauftragten im Modellprojekt mit der Uniklinik Heidelberg und dem PZN konnten bereits die Netzwerke der Hilfsangebote an den Standorten erweitert werden. Langfristig soll das Konzept in der ganzen Metropolregion selbstverständlich werden.

Aufgabe der Kinderbeauftragten ist es, die ersten Hürden bei den Eltern abzubauen und sie zu überzeugen, Hilfe auch für ihre Kinder in Anspruch zu nehmen. „Häufig schämen sich die Betroffenen, haben Angst, als schlechte Mutter oder schlechter Vater dazustehen, wenn sie sich aufgrund ihrer Erkrankung nicht so um ihre Kinder kümmern können, wie sie es gern möchten“, sagt Dr. Anne Koopmann, Oberärztin der Klinik für Suchtmedizin und Co-Leitung der Initiative. Oft seien die Eltern außerdem erschrocken, wenn sie erkennen, wie sehr ihre Kinder unter der Situation leiden. Der Weg zur Hilfe kann über die Eltern gehen – oder wie im Fall von Anna über die Kinder. „Wir wollen die Familienmitbehandlung etablieren“, so Koopmann über eines der Ziele des Projekts. Darüber hinaus gehe es darum, in Psychiatrien ein Bewusstsein dafür zu schaffen, die ganze Familie in den Blick zu nehmen, Kinderbeauftragte einzusetzen und eine Vernetzung etwa mit Beratungsangeboten, Helfersystemen und Jugendämtern sicherzustellen.

„Mithilfe der Kinderbeauftragten schaffen wir es häufig, Kinder von psychisch erkrankten Eltern der notwendigen Beratung oder Behandlung zuzuführen“, freut sich Yvonne Grimmer über erste Erfolge des Projekts. „Oft haben die Betroffenen Angst, man könne ihnen wegen ihrer Erkrankung ihre Kinder wegnehmen. Sie wissen gar nicht, wie viele andere Lösungen es gibt“, sagt Yvonne Grimmer und verweist auf Angebote wie z. B. die Mannheimer Initiative für Kinder psychisch kranker Eltern (MAIKE), Beratungsstellen von Städten, Diakonie oder Caritas, sozialpädagogische Familienhilfe, Patenschaftsprogramme, Eltern-Kind-Zentren oder die Kindergruppe der Psychologischen Beratungsstelle der Evangelischen Kirche in Mannheim (Joker). „Die Angebote sind vielfältig und an immer mehr Orten vorhanden, und die zunehmende Verbesserung der Versorgungsstrukturen stärkt auch die Bereitschaft der Betroffenen, Hilfe anzunehmen“, unterstreicht die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.

Im Fall der mittlerweile 11jährigen Anna hat die Familie von der Initiative Stark im Sturm profitiert: Nach etwa eineinhalb Jahren Behandlung und Betreuung hätten Mutter und Tochter ihr erstmals gesagt „Jetzt geht es uns richtig gut!“, so Yvonne Grimmer.

Informationen unter www.starkimsturm.de

Stand: April 2022