AtR!Sk: Erste Anlaufstelle für Jugendliche bei Risikoverhalten und Selbstschädigung

Schnelle Hilfe in der Spezialambulanz für Jugendliche bei übersteigertem Risikoverhalten und Selbstschädigung: Diplom-Psychologin Gloria Fischer-Waldschmidt erarbeitet Strategien mit einer Patientin innerhalb der Einzeltherapie. Foto: Universitätsklinikum HeidelbergSpannende Begleitforschung: Patrice van der Venne (Studienkoordinator) erläutert einer Probandin den Ablauf einer Aufgabe zum Schmerzempfinden. Foto: Universitätsklinikum Heidelberg
Ort:Heidelberg
Zielsetzung:Spezialambulanz für Jugendliche mit riskantem und selbstschädigendem Verhalten
Projektpartner:Universitätsklinikum Heidelberg
Laufzeit:2014-2019
Förderhöhe:472.000 €

Was tun, wenn das eigene Kind sich selbst verletzt? In welchem Zusammenhang stehen wöchentliche Alkoholexzesse oder gehäufter Drogenkonsum mit psychischen Problemen im Jugendalter? Und wohin wende ich mich als Jugendlicher eigentlich, wenn mir alles zu viel wird und es so aussieht, als mache das Leben keinen Sinn mehr? An die Heidelberger Ambulanz für Risikoverhalten und Selbstschädigung (AtR!Sk) der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum – das wäre schon einmal ein Anfang!

AtR!Sk hat sich in den vergangenen Jahren genau dieser Fragestellungen angenommen. Im Jahr 2013 unter der Leitung von Professor Michael Kaess gegründet, dient AtR!Sk der Einschätzung, Diagnostik und Behandlung von riskantem und selbstschädigendem Verhalten im Jugendalter sowie der Früherkennung und Frühintervention zugrundeliegender psychischer Erkrankungen. Die Dietmar Hopp Stiftung unterstützt das Projekt seit 2014, um Ausbau und Verstetigung zu ermöglichen.

„Diese Verhaltensweisen können im normalen Entwicklungsprozess des Jugendalters vorkommen, auch ohne mit schweren psychischen Problemen zusammenzuhängen. In vielen Fällen können Risikoverhaltensweisen jedoch auf den Beginn einer psychischen Erkrankung, wie zum Beispiel einer Borderline-Persönlichkeitsstörung oder schweren Depression hinweisen. Das ist dann mit einer immensen Belastung für die Jugendlichen und ihre Familien verbunden, – da müssen wir schnellstmöglich intervenieren und helfen. Unser Gesundheitssystem ist da noch unzureichend aufgestellt. Oftmals mussten Betroffene früher auch bei uns Monate auf einen Termin warten und bekamen dann immer noch keine ausreichende Therapie. Das war wirklich ein schwieriger Zustand und ist es in vielen Teilen Deutschlands immer noch“, erklärt Professor Kaess. Im Rhein-Neckar-Kreis ist das heute dank der Projektförderung der Dietmar Hopp Stiftung anders.

Das AtR!Sk-Team berät und unterstützt Jugendliche mit riskantem und selbstschädigendem Verhalten und deren Angehörige. Die Jugendlichen und ihre Familien können sich zunächst ganz unkompliziert in einer offenen Sprechstunde vorstellen. Die offene Sprechstunde hat eine „Wegweiserfunktion“. Hier wird entschieden, ob es einer ausführlicheren diagnostischen Einschätzung bedarf, direkt ein Krisenangebot eingeleitet werden muss oder auch einfach altersgerechte oder nur geringfügig problematische Verhaltensweisen vorliegen. Im Falle einer weiteren Abklärung wird dann ein spezialisiertes psychotherapeutisches Behandlungsangebot gemacht.

Seit Gründung 2013 durchliefen knapp 600 Jugendliche und deren Familien den diagnostischen Prozess in AtR!Sk. Ein Großteil davon wurde auch erfolgreich ambulant in AtR!Sk behandelt. „Ambulante Behandlungskonzepte sind die Intervention der Zukunft und entsprechen insbesondere bei der Borderline-Störung dem internationalen Goldstandard. Das ist empirisch eindeutig belegt. Lange stationäre Behandlungsmaßnahmen, die aktuell immer noch häufig Anwendung finden, sind mit immensen Kosten für das Gesundheitssystem verbunden und oftmals dabei sogar schädlich für die Patienten“, fügt Professor Kaess hinzu. Das sehen inzwischen auch die Krankenkassen. Sie finanzieren AtR!Sk bereits ein Jahr nach Gründung und Anschubfinanzierung durch die Dietmar Hopp Stiftung zusätzlich durch eine Sonderpauschale für Spezialambulanzen.

Die Erfolgsgeschichte von AtR!Sk hat sich herumgesprochen: Inzwischen gibt es AtR!Sk-Ambulanzen an den Universitätskliniken in Würzburg und Bern, auch eine Spezialambulanz in Wien ist angedacht.

Dr. Jennifer Fischer, Referentin für Medizin der Dietmar Hopp Stiftung, ergänzt: „Der größte Erfolg ist für uns, wenn unsere Anschubfinanzierung dazu führt, dass so ein tolles Projekt – und damit die dringend benötigte zeitnahe und pragmatische Unterstützung für Jugendliche mit akutem Hilfsbedarf – sich langfristig etablieren kann. Überdies wirkt AtR!Sk als Vorbild bereits weit über die Grenzen unserer Förderregion hinaus. Eine nachhaltigere Wirksamkeit unserer Fördermittel kann man sich nicht wünschen.“

Einen hohen Stellenwert hat auch die wissenschaftliche Begleitforschung innerhalb AtR!Sk. Diese soll helfen, das Wissen über selbstschädigende und riskante Verhaltensweisen sowie psychische Erkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen im Jugendalter zu erhöhen, um sowohl das Konzept von AtR!Sk selbst als auch die Behandlungsmethoden stetig weiterentwickeln zu können. Daher werden die Jugendlichen, die einer begleitenden Studienteilnahme zustimmen, jährlich zu Verlaufs- und Nachsorgeterminen eingeladen. Aber auch die organmedizinische Abklärung kommt nicht zu kurz: In der Ergänzungsstudie „AtR!Sk-Bio“ bekommen die Jugendlichen einen Komplett-Check-Up inklusive Blut-Laboranalyse, EKG-Befundung und der Abklärung weiterer biologischer Parameter.

Die Jugendlichen – inzwischen auch schon im jungen Erwachsenenalter – kommen gerne und berichten von den positiven und auch negativen Wendungen des Lebens. „Letztere gibt es nämlich immer noch. Ich weiß jetzt aber, wie ich damit umzugehen habe“, erzählt eine ehemalige Patientin in AtR!Sk. Die 18-Jährige hatte vor vier Jahren versucht, sich das Leben zu nehmen. Professor Kaess sagt zu den bisherigen Verlaufsdaten in AtR!Sk: „Im Zusammenhang mit Persönlichkeitsstörungen, aber auch Depressionen, meinen die meisten Menschen, dass diese nicht heilbar sind oder zumindest immer wieder kommen. Unter anderem durch die Arbeit in AtR!Sk und die dort gewonnenen Daten wissen wir aber, dass die Prognose durch frühe Diagnosestellung und entsprechende Behandlung im Jugendalter sogar ziemlich gut ist.“

Stand: Mai 2019

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