Wenn der Unterkiefer zu groß ist

Kiefermodell eines Menschen.

Die Methode, zuerst zu operieren und danach die Zahnkorrektur mit Zahnspangen vorzunehmen, führt zu verbesserten Behandlungsergebnissen bei Kieferfehlstellungen. Foto: Universitätsklinikum Heidelberg

Ort:Heidelberg
Zielsetzung:Kieferfehlstellungen schneller beheben
Projektpartner:Universitätsklinikum Heidelberg
Laufzeit:2013–2015
Förderhöhe:42.000 €

Karl der V., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, besaß eine besonders markante Unterlippe und einen ebenso dominant wirkenden Unterkiefer. Von Karl V. ist überliefert, dass er erst im Alter von vier Jahren mit dem Sprechen begann und dass er Zeit seines Lebens Schwierigkeiten beim Kauen hatte. Die Ursache war eine Überentwicklung des Unterkiefers.

Fehlstellungen von Ober- und Unterkiefer zueinander oder zum restlichen Gesichtsschädel stellen auch heute noch ein medizinisches Problem dar. Sie führen zu funktionellen Beeinträchtigungen beim Beißen, Kauen, Sprechen und bei der Atmung. Daneben führt die Störung der Ästhetik zu einem psychologischen Leidensdruck, der das Selbstbewusstsein und die Lebensqualität des Patienten massiv beeinträchtigen kann. Im Gegensatz zu Karl V., der mit seiner Einschränkung leben musste, bietet die moderne Medizin betroffenen Personen die Möglichkeit, die Fehlstellung durch einen chirurgischen Eingriff zu beheben.

Das „Surgery-First“-Konzept

Im Rahmen des von der Dietmar Hopp Stiftung geförderten Projekts „Surgery first“ (SUFI) der Poliklinik für Kieferorthopädie und der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Universitätsklinikums Heidelberg wurde ein neues Behandlungskonzept getestet, bei dem die Operation der Kiefer vor der Behandlung mit Zahnspangen erfolgt. Daher trägt die Methode den Namen: Zuerst die Operation, „Surgery first“.

Dies ist insofern neu, da der Behandlungsplan bisher vorgab, zuerst die Zähne durch eine Zahnspangenbehandlung zu verschieben und erst danach die Kiefer chirurgisch zu korrigieren . Dadurch kommt es häufig zunächst zu einer Verschlechterung der Zahnstellung, die oft den Leidensdruck der Patienten noch weiter verstärkt. Negativ ist auch die sehr lange Behandlungsdauer bei dieser Behandlungsstrategie, die im Durchschnitt 24 bis 30 Monate beträgt. Die Behandlungszeit ließ sich mit SUFI auf durchschnittlich 16 Monate verkürzen.
Studienleiter Dr. Sebastian Zingler und PD Dr. Dr. Robin Seeberger betonen die Vorteile von SUFI: „Es zeigte sich, dass die mit der SUFI-Methode behandelten Patienten rascher zu einem zufriedenstellenden Ergebnis nach der Operation gelangen.“

Äußerst positive Ergebnisse erreichte die Methode im Bereich der Kaufunktion. Patienten, die zu Beginn ihrer Behandlung ihre Kaufunktion als deutliches Handicap beschrieben, erreichten nach ihrer Behandlung eine gesicherte und stabile Verzahnung beim Zubeißen. Als direkte Folge der chirurgisch-kieferorthopädischen Therapie verbesserte sich auch die Lebensqualität der Patienten nach Abschluss der Behandlung im Durchschnitt um 50%. Besonderen Einfluss hatte die Behandlung auf das Selbstwertgefühl, das Selbstbewusstsein und die soziale Kompetenz der Patienten.

Molekularbiologische Analysen im Rahmen der Studie durch den Biologen Dr. Ralf Erber (Poliklinik für Kieferorthopädie) belegten zusätzlich, dass nach einer Operation zahlreiche Wachstumsfaktoren im Kiefer deutlich erhöht sind. Die Wissenschaftler folgern, dass die beschleunigte Zahnbewegung bei SUFI eng mit der Knochenheilung zusammenhängt.

„Neue Behandlungskonzepte auszutesten ist das Ansinnen medizinischen Fortschritts. Wir freuen uns, dass die Arbeitsgruppe um Dr. Zingler die Lebensqualität der Patienten mit Kieferfehlstellungen deutlich verbessern konnte“, bewertet Dr. Ingrid Rupp, Medizinreferentin der Dietmar Hopp Stiftung, die guten Ergebnisse der Studie.
Die Methode SUFI ist in Folge der Studie zum Standard bei geeigneten Fehlgebissstellungen in der Poliklinik für Kieferorthopädie und der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Universität Heidelberg geworden.

Die SUFI-Studie wurde von der Dietmar Hopp Stiftung mit insgesamt 42.000 Euro gefördert.

Stand: Februar 2016

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