Klingt gut: Musikprojekt mit Gehörlosen steigert Selbstvertrauen

Stimmbildner Johannes Wilhelmi leitete die Gruppe bei ihrem Auftritt musikalisch an. Foto: Dietmar Hopp Stiftung16 Teilnehmer bereiteten sich in vier Workshops auf den großen Auftritt in der Stadthalle Heidelberg vor. Foto: Dietmar Hopp StiftungDas von der Dietmar Hopp Stiftung unterstütze Projekt steigert das Musikempfinden und somit auch das Vertrauen in das eigene Gehör. Foto: Dietmar Hopp Stiftung
Ort:Heidelberg
Zielsetzung:Menschen mit Cochlea Implantat erleben Musik, Rhythmus und Klänge
Projektpartner:Selbsthilfegruppe Cochlea-Implantat Neustadt-Pfalz-Bad-Dürkheim
Laufzeit:Dezember 2017- Dezember 2018
Förderhöhe:17.000 €

Die Besucher des Abschlusskonzerts im Kammermusiksaal der Stadthalle Heidelberg trauten ihren Ohren nicht. „Alles nur geklaut. Über den Wolken. Griechischer Wein“. Zwölf Gehörlose mit Cochlea Implantat begeisterten das Publikum mit einer eindrucksvollen Gesangsinterpretation von drei bekannten deutschen Liedern. Möglich wurde das durch intensive Workshops, die die Selbsthilfegruppe Cochlea-Implantat (SHG CI) Neustadt-Pfalz-Bad Dürkheim durchgeführt hatte – und die mit einem Zuschuss von 17.000 Euro von der Dietmar Hopp Stiftung unterstützt wurden.

In Deutschland leben rund 40.000 Menschen mit einem Cochlea-Implantat, einer Hörprothese für Gehörlose, deren Hörnerven allerdings noch funktionsfähig sind und die mit Hilfe dieses Implantats trotz Taubheit Töne wahrnehmen können. „Viele Menschen mit Cochlea-Implantat empfinden Musik als unangenehm und meiden sie“, erklärt Sieglinde Wetterauer, Leiterin der SHG CI, und fügt hinzu: „Das ist allerdings sehr schade, denn Musik ist Emotion und Lebensqualität.“

Gemeinsam mit dem Diplom-Pädagogen Sascha Roder initiierte sie das Projekt „Leben mit Klängen – eine Klangwelt voller Leben“ und bat die Dietmar Hopp Stiftung um Unterstützung. „Musik soll Spaß machen und nicht wehtun. Wir waren von der Idee, gehörlosen Menschen einen schmerzfreien Zugang zur Musik zu ermöglichen, begeistert“, begründet Carina Schneider, Referentin für Soziales und Bildung, das Engagement der Dietmar Hopp Stiftung.

Roder begleitet seit zehn Jahren Projekte, die Menschen nicht nur beim Hör-, sondern auch beim Musikverstehen unterstützen, und promoviert derzeit an der Universität Siegen über die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen, die mit einem Cochlea-Implantat ausgestattet sind. Von März bis Oktober leitete der Diplom-Pädagoge den Workshop, der 16 Teilnehmern in vier Sitzungen Rhythmusgefühl und Raumerkundung, Körperwahrnehmung durch argentinischen Tango und die Erfassung und Differenzierung von Klangerzeugern wie etwa Violine, Harfe oder Klavier vermitteln sollte. „Den Abschluss bildete ein Chorprojekt, in dem es darum ging, den eigenen Klang zu erzeugen und zu verstehen“, so Roder.

„Achterbahn der Hörgefühle“

Für die Teilnehmer waren das neue und spannende Erfahrungen. „Besonders schön ist das Erfolgserlebnis, den Rhythmus richtig zu hören und wiederzugeben“, kommentierte eine Teilnehmerin die erste Sitzung. Oder etwa nach der „Tango-Einheit“: „In diesen Momenten konnte ich ein Gefühl für den Rhythmus entwickeln und spüren, was es heißt, den Tanzpartner wahrzunehmen.“

Die Vorbereitung auf das Abschlusskonzert in der Heidelberger Stadthalle beschreibt Roder als „Achterbahnfahrt der Hörgefühle“, bei der die Teilnehmer allerdings sehr begeistert mitgemacht hätten. Dann schließlich der große Auftritt unter musikalischer Anleitung des Stimmbildners Johannes Wilhelmi sowie des Streicherquartetts „Cela Sonne Bien“ (Das klingt gut), das den Abend mit Filmmusik des italienischen Komponisten Ennio Morricone eröffnete.

Das ursprüngliche Lampenfieber der zwölf Sängerinnen und Sänger wich schnell angesichts der Begeisterung des Publikums, das für den Eröffnungssong „Alles nur geklaut“ von den Prinzen viel Applaus spendete. Schwierig war aufgrund der schnellen Textpassagen die Darbietung von Reinhard Meys „Über den Wolken“, den krönenden Abschluss bildete Udo Jürgens’ „Griechischer Wein“.

Der Einsatz hat sich gelohnt, auch wenn einige Teilnehmer die Workshops als „körperlich sehr anstrengend“ empfanden. Unterm Strich stand jedoch unter anderem die Erkenntnis: „Mein Musikempfinden und damit mein Vertrauen in mich selbst und in mein Gehör haben sich enorm gesteigert. Ich fühle wieder Musik, ich empfinde sie.“

„Diese Menschen haben gezeigt, dass sie ihre Situation nicht einfach hinnehmen, sondern etwas dagegen tun möchten“, freute sich Sieglinde Wetterauer über den gelungenen Auftritt und den erfolgreichen Abschluss des Musikprojekts.

Stand: November 2018

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