Mit positiver Verstärkung ans Ziel: Lernen, soziales Training und Bewegung

Im Sommertherapiecamp liegt der Fokus auf der positiven Verstärkung von erwünschtem Verhalten – egal ob beim Lernen, beim Sport oder bei den Freizeitaktivitäten. Foto: ZPPIm Lernzentrum werden die Kinder von einer Lehrkraft und von Therapeuten begleitet, um sie für den Schulalltag stark zu machen. Foto: ZPPIn kleinen Gruppen werden Kinder zwischen 7 und 12 Jahren drei Wochen lang tagsüber von Therapeuten intensiv begleitet und betreut. Foto: ZPPBei Einheiten der Heidelberger Ballschule lernen die Kinder, das erlernte Verhalten auch in anderen Kontexten anzuwenden. Foto: ZPPBelohnung für gutes Verhalten: Kinder mit ADHS bekommen oft negative Rückmeldungen von ihrer Umwelt, daher macht der positive, auf die Stärken der Kinder ausgerichtete Ansatz das Sommertherapiecamp so besonders. Foto: ZPP
Ort:Heidelberg
Zielsetzung:Intensivtherapieprogramm für Kinder mit ADHS
Projektpartner:Zentrum für Psychologische Psychotherapie, Universität Heidelberg
Laufzeit:2014–2018
Förderhöhe:350.000 €

Tim klettert für sein Leben gern. Wenn er auf dem obersten Ast eines Baumes sitzt, stellt er sich vor, dass er in einer Rakete ins Weltall fliegt. Weit weg mit den Gedanken vergisst Tim in solchen Momenten alles um sich herum und überhört die Rufe und Anweisungen seiner Eltern. Er bekommt erst das Schimpfen mit. Der Junge interessiert sich für viele Dinge und hat tausend Gedanken und Ideen in seinem Kopf, die er gern mitteilen und umsetzen möchte. Am Anfang hat sich der Siebenjährige deshalb auf die Schule gefreut. Doch anstatt Raketen zu bauen, muss er in der Schule lange stillsitzen, ruhig sein und viele, für ihn langweilige Aufgaben ausführen. Es fällt ihm schwer, sich zu konzentrieren und Hausaufgaben von Anfang bis Ende zu erledigen. Tim fühlt sich häufig unverstanden, weshalb er manchmal sehr wütend wird. Der ständige Streit und die stundenlangen Diskussionen machen ihn traurig. Eigentlich möchte er gerne mit seiner Familie und seinen Freunden gut auskommen und in der Schule zeigen, was er weiß. Aber trotz seiner großen Anstrengungen kommt es immer wieder zu Schwierigkeiten.

Bei Tim wurde ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung), eine komplexe, neurophysiologische Entwicklungsstörung diagnostiziert. Aufgrund der vielschichtigen Ausprägung des Störungsbildes und der weitreichenden Beeinträchtigungen von Betroffenen im Alltag, benötigen Kinder wie Tim und deren Umfeld Unterstützung in den Bereichen Familie, Schule und im Umgang mit Gleichaltrigen. Am Zentrum für Psychologische Psychotherapie (ZPP) der Universität Heidelberg wurde daher eine innovative und umfassende Intensivbehandlungsmaßnahme für Kinder mit ADHS sowie verwandten Störungen aufgebaut und evaluiert.

Das Intensivtherapieprogramm (ITP) basiert auf dem amerikanischen „Summer Treatment Program“ von Dr. William Pelham und Kollegen/innen. Programmleiterin Dr. Lysett Babocsai adaptierte dieses für deutsche Verhältnisse und nahm grundlegende Veränderungen im Verhaltensmodifikationsansatz, der Umsetzung des Konzeptes sowie der Durchführung des Therapieprogramms vor. Außerdem erweiterte sie die Intervention durch Einheiten der Heidelberger Ballschule und ein soziales Kompetenztraining. Das Projekt mit begleitender Evaluation wurde in enger Kooperation mit Dr. Eva Vonderlin (ZPP) und Prof. Dr. Sabina Pauen vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg durchgeführt und von der Dietmar Hopp Stiftung von Beginn an gefördert. Im Zeitraum von 2014 bis 2018 spendete die Dietmar Hopp Stiftung in zwei Phasen insgesamt 350.000 Euro für das Projekt.

„Klinische Behandlungsleitlinien empfahlen bislang zwei grundsätzliche Interventionsformen – Medikamente (Stimulantien, wie etwa Methylphenidat/Ritalin) und Verhaltenstherapie“, so Dr. Eva Vonderlin. Oft ist jedoch eine Kombination von medizinischen, psychosozialen und pädagogischen Maßnahmen erforderlich, um eine langfristig günstige Entwicklung der betroffenen Kinder zu ermöglichen. Genau das stellt einen Vorteil von Intensivtherapieprogrammen dar. Seit August 2014 wurden insgesamt sechs Intensivtherapieprogramme durchgeführt. Mehr als 100 Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren konnten in dem drei- bis vierwöchigen Gruppentherapieansatz Lernstrategien, Selbstregulationsfertigkeiten und Sozialkompetenzen erlernen. Dabei stehen Spiel und Spaß im Vordergrund. Die Kinder verbringen den Tag mit Sport-, Lern- und Freizeitaktivitäten während sie sich durch erwünschtes Verhalten Punkte und Preise verdienen können. „Der positive, auf die Stärken der Kinder ausgerichtete Ansatz macht das ITP besonders“, fügt Dr. Lysett Babocsai hinzu. Jede Woche steht unter einem besonderen Wochenthema wie „Wilde Tiere“ oder „Forscher und Entdecker“. Freitag heißt es „Spaß-Freitag“ mit tollen Unternehmungen. Da das Umfeld eine entscheidende Rolle in der Ausprägung von ADHS spielt, wird im ITP großen Wert auf den Einbezug der Eltern sowie der Lehrkräfte gelegt. Dieser erfolgt durch wöchentliche Elternabende während des Programms sowie monatliche Nachsorgetermine im Anschluss an die Intensivtherapie, um eine bestmögliche Übertragung der im ITP erzielten Verhaltensänderungen in das Familien- und Schulumfeld zu erreichen.

Die wissenschaftliche Begleitung des Projekts (Phase 1 von 2014 bis 2015) zeigt eindrucksvoll, dass durch das Programm die Gesamtsymptomatik verbessert werden konnte. Sowohl im Vorher-Nachher-Vergleicht als auch im Vergleich zur Kontrollgruppe wurde deutlich, dass das Sozialverhalten der Kinder nachhaltig verbessert werden konnte. Die Evaluation der zweiten Projektphase (2016-18) bestätigte diese Ergebnisse und zeigt zusätzlich, dass die Behandlungserfolge auch Monate nach Abschluss der Intensivtherapie im Sommer noch sichtbar sind. So freuen sich alle Projektbeteiligte, dass der intensivtherapeutische Behandlungsansatz für Kinder mit ADHS auch in Zukunft an der Universität Heidelberg angeboten und in die bestehende psychotherapeutische Regelversorgung integriert wird.

Auch Tim ist durchweg begeistert von der für ihn neuen Methode. Nach seiner Teilnahme am Intensivtherapieprogramm erzählt er: „Ich finde es cool, dass es den Kurs gibt und ich einen Platz bekommen habe. Hier habe ich Freunde gefunden und gelernt, mich zu konzentrieren und ich bin froh, dass ich meine Gefühle besser kontrollieren kann. Zuhause ist es so friedlich geworden.“ Er fragt, ob er nächstes Jahr wieder teilnehmen darf.

Die Dietmar Hopp Stiftung ermöglichte die Durchführung des Modellprojekt und der begleitenden Evaluation in den Jahren 2014-2015 mit einer Spende in Höhe von 100.000 Euro. In der von 2016 bis Ende 2018 stattfindenden zweiten Projektphase wurde das ZPP der Universität Heidelberg mit einer weiteren Spende in Höhe von 250.000 Euro unterstützt. Carina Schneider, Referentin für Soziales und Bildung der Dietmar Hopp Stiftung: „Der Umgang mit Kindern mit ADHS bedarf viel Kraft, Zeit und Geduld. Durch die positive Verstärkung leben die Kinder im Camp auf. Das Angebot der Intensivtherapie wird von den Eltern als Entlastung und als Verbesserung der familiären Situation wahrgenommen. Die Unterstützung kommt somit dem Kind selbst, den Familien und auch dem Umfeld zu Gute. Es ist ein großer Erfolg, dass das Programm nun in die Regelversorgung übergeht.“

Stand: Mai 2019

Zentrum für Psychologische Psychotherapie Heidelberg

Flyer Intensivtherapie für Kinder mit ADHS 2019

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